1945 wird Europa durch die Alliierten Truppen vom deutschen Faschismus befreit.
Deutschland, das einen beispiellosen Vernichtungskrieg führte, große Teile Europas verwüstete und über 6 Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, politische GegnerInnen – letztendlich alle, die nicht in das faschistische Menschenbild passen – in Konzentrations- und Arbeitslagern systematisch ermordete, wurde besiegt.
Dass dies ein Grund zum Feiern ist, ist allerdings immer noch kein Konsens.
In zahlreichen Gedenkveranstaltungen und mit Denkmälern wird auch der deutschen Opfer gedacht – jenen, die bei der Bombardierung Deutschlands zu Tode kamen – und auch der Flüchtlinge. Trauer ist nicht das Problem; vielmehr darf der Versuch der Relativierung durch Aufrechnung nicht toleriert werden. Systematischer Massenmord kann und darf niemals mit dem Schicksal der deutschen Zivilbevölkerung oder der Flüchtlinge aus den von Nazideutschland annektierten Ostgebieten, die sich selbst zu Vertriebenen stilisieren, verglichen werden. Wenn die Rede von den Deutschen Opfern oder den, teils wie Helden gefeierten, Wehrmachtssoldaten ist und im gleichen Zuge die Ermordeten des Faschismus genannt werden, ist dies mehr als geschmacklos.
Noch immer wird die Opferrolle umgedreht. Die Deutschen werden zu Opfern einer „Nazi-Clique“ auf der einen, der Kriegsführung der Alliierten auf der anderen Seite verklärt. Es ist ein erbärmlicher, wenn auch offenbar recht wirkungsvoller Versuch, das Konzept Nationalstolz auch endlich für Deutschland wieder salonfähig zu machen. Außer Acht gelassen wird hierbei, inwieweit auch die „Zivilbevölkerung“ in den deutschen Faschismus involviert war.
Die BefreierInnen werden mit den Wehrmachtssoldaten gleichgestellt, die Bombardierung Deutschlands wird zur Gräueltat umgewertet, statt als notwendiger Schritt, das Dritte Reich zu besiegen, begriffen zu werden.
Auch in Gießen wird häufig ein fragwürdiger Umgang mit der Geschichte gepflegt.
Im Zuge der Erneuerung des Selterswegs ließ die Stadt Gießen Gedenksteine verlegen, welche die Umrisse der Häuser an dieser Stelle vor der Bombardierung nachzeichnen sollen. Bei den hervorgehobenen Umrissen findet sich auf einem in den Boden eingelassenen Täfelchen das Zitat „Wir dachten, die Hölle wolle von Unten hoch,“ welches die BetrachterInnen den Schrecken der Bombardierung nachempfinden lassen soll.
Während an mehreren Orten in Gießen der deutschen Soldaten und der deutschen Zivilbevölkerung mit unübersehbaren Denkmälern und Gedenksteinen gedacht wird, ist die Größe der Tafeln, die an die Verfolgten des Naziregimes erinnern, meist kaum größer als ein DIN-A3 Blatt. Ein Gedenkstein an der Stadtkirche (Kirchplatz) wiederum wurde unmittelbar neben einen Gedenkstein für die Opfer der Luftangriffe platziert, was das Gefühl aufkommen lässt, dass die Opfer des Krieges gegeneinander aufgewogen werden sollen.
An anderer Stelle thront in der Gießener Innenstadt ein Denkmal zu Ehren des „Gießener Hausregiments 116“. Die Soldaten dieser Einheit wurden in beiden Weltkriegen eingesetzt. Im Zuge der Missachtung der Bestimmungen des Versailler Vertrages wurde das Regiment, mehr als bloße Reminiszenz an das Kaiserreich, in Afrika eingesetzt um für die faschistischen Weltherrschaftspläne zu kämpfen. Noch heute symbolisiert dieses Monument am Brandplatz die militaristische Tradition in Deutschland und ehrt Wehrmachtssoldaten. Im Park am Platz der deutschen Einheit werden die deutschen Soldaten der beiden Weltkriege als „Die toten Opfer unserer Verpflichtung“ glorifiziert.
An der Gabelung von Grünberger und Licher Straße befindet sich das schon von weitem sichtbare Greifendenkmal. Es war ursprünglich dem Kampfgeschwader 55 „Greif“ (KG 55), das kurz nach seiner Gründung nach Gießen verlegt wurde, gewidmet. Das Geschwader war sowohl am spanischen Bürgerkrieg, als auch am Einmarsch deutscher Truppen nach Polen, Frankreich und in die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg beteiligt.
Mit dem Bau des Denkmals, ein Obelisk auf dessen Spitze ein Greifvogel sitzt, wurde noch vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen.
Eingeweiht und der Stadt Gießen übergeben wurde es allerdings erst 1958.
Nach langjährigem, verbalem Ringen und zahlreichen Protestaktionen gegen dieses Denkmal wurde 1994 die ursprüngliche Inschrift von Unbekannten zerstört und wenig später der Greifvogel vom Obelisken entwendet. Nachdem der stark beschädigte Bronzeadler wieder gefunden wurde, beschloss die Stadtverordnetenversammlung, den Adler zwar wieder auf den Sockel zurückkehren zu lassen, jedoch ohne finanzielle Zuschüsse aus dem städtischen Haushalt. In Folge ließ der Traditionsverband den Vogel restaurieren, brachte ihn aber aus Angst vor erneuter Beschädigung nicht wieder an. Das 2005 eine Umwidmung in ein „Denkmal gegen Krieg, Gewaltherrschaft, Völkermord und Vertreibung“ stattfand und eine trauernde Witwe vor dem Denkmal platziert wurde halten wir für nicht minder kritikwürdig. Relativierend werden erneut TäterInnen und Opfer gleichgesetzt.
Weiterhin soll an der Gießener „Bergkaserne“ ein Kunstwerk aus der Zeit des „3. Reichs“ restauriert werden.
Das martialische Relief an der Außenwand wurde im Februar 1938 eingeweiht und ist ein Beispiel für die ideologisierte und instrumentalisierte Kunstauffassung jener Zeit. Abgebildet sind, nach Manier der „Blut-und-Boden-Romantik“ arbeitende Familien, welche von drei Soldaten, in heroischer Nacktheit dargestellt, bewacht werden. Der Erhalt dieses Reliefs scheint von größerer Bedeutung, als sich um das Füllen einiger Erinnerungslücken zu kümmern.
Noch hässlicher ist der Name eines Gießener Studierendenwohnheims: Otto Eger dient ihm als Namenspatron. Eger war von 1918 bis 1945 Professor in Gießen, 1922/23 und 1931 Rektor der Universität und mehrmals (auch nach 1933) Dekan der Juristischen Fakultät.
Der Wissenschaftler hatte keinerlei Berührungsängste mit den Nazis und trat 1940 der NSDAP bei. Des Weiteren erweist sich Eger als rechtsradikaler Aktivist, als Sympathisant und Unterstützer rechtsgerichteter Gruppen. Weiterhin stellte Eger persönlich Corps auf, die am Kapp-Putsch teilnehmen sollten, was seine antidemokratische Haltung unterstreicht. Die Universitätsleitung lehnt eine Umbenennung des Otto-Eger-Heims ab.
Im Uni Hauptgebäude steht zudem eine Statue die an die in den beiden Weltkriegen gefallenen Soldaten erinnert. Zwar ist im Eingangsbereich eine Tafel für alle Opfer des Faschismus in Deutschland angebracht, die Tafel für die zu Unrecht aus dem Uniapparat entfernten WissenschaftlerInnen aber ist in einem kaum zugänglichen Konferenzraum versteckt.
Als Abschlussbeispiel mangelhafter bzw. nicht stattfindender Erinnerung sei die Gießener Goetheschule angeführt. Dort wurden 1942 330 Jüdinnen und Juden gesammelt und festgehalten, um dann in ihren Tod deportiert zu werden.
An dieses Ereignis erinnert heute einzig und allein eine kleine, graue Gedenktafel.
Auch an anderen geschichtsträchtigen Orten Gießens, bspw. am Standort der in der Reichspogromnacht niedergebrannten orthodoxen Synagoge oder am ehemaligen jüdischen Bankhaus Herz, das nach seiner Enteignung als Gestapo Zentrale diente, erinnern heute lediglich unauffällige Bronzetafeln; kaum größer ist der Gedenkstein am ehemaligen Standort der liberalen Synagoge, an dem heute die Kongresshalle steht.
An Orten wie dem ehemaligen Standort des jüdischen Ghettos wird auf die Vergangenheit erst gar nicht aufmerksam gemacht.
Die Reihe der Aufzählungen zeigt deutlich in welchem Maße den VerursacherInnen des Zweiten Weltkrieges gedacht wird. Das Gedenken an die Opfer Nazi-Deutschlands findet, wenn überhaupt, meist in weitaus marginalerer Form statt.
Der ehemalige Gießener Oberbürgermeister Haumann spricht „von der schrecklichsten Nacht, welche Gießen im Laufe seiner Geschichte erlebt hat“, wenn er sich auf die alliierten Bombardierungen bezieht. Der Gedanke, die Reichspogromnacht könne schlimmer sein als die notwendige Reaktion auf den „totalen Krieg“ der Deutschen, kommt ihm offensichtlich nicht. Es gehe, so Haumann weiter, darum, an der „gegenseitigen Aussöhnung [zu] arbeiten und unsere gemeinsame europäische Geschichte auf[zu]arbeiten“. Relativierung und Ignoranz werden seit dem Beginn der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland immer wieder gerne praktiziert, gerade wenn es um das Thema der deutschen Kriegsverbrechen geht. Dies ist die Folie unter der immer wieder versucht wurde und noch immer versucht wird, das Konzept Nationalstolz, als sei nicht schon oft genug gezeigt worden welche Auswüchse es haben kann, zu reetablieren.
Für eine Erinnerung an die Deportation der Giessener Jüdinnen und Juden, scheint im Giessener Stadtbild, wenn wir schon vergleichen, zumindest wenig Platz und offenbar wenig Interesse zu bestehen.
Auch wenn die Stadt mittlerweile ihr eigene Gedenkveranstaltung am 9. November abhält, reißen die Versuche einer Relativierung nicht ab. Möglicherweise hält es die Stadt Gießen für wichtiger, einen Erinnerungsort für die Zerstörung der Innenstadt zu schaffen, als einen Raum zu bieten, in dem eine kritische und emanzipatorische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ein Gedenken an die Verfolgten und Ermordeten des deutschen Faschismus möglich ist. Orte oder Ansätze der Erinnerung an die Opfer des Faschismus, die nicht im Sinne einer Abwicklung, Verharmlosung oder des Vergessens des deutschen Faschismus stehen, wurden und werden meist nur von AntifaschistInnen, nicht selten gegen Widerstände gefordert und geschaffen.